interview

mail-Interview von Lutz Caspers mit Werner Muth am 08. mai 2009 zur vorbereitung einer besprechung im Kult

welches konzept steckt hinter “muths koffer” und wie kam es zustande?

in den vergangenen zwei jahren waren texte entstanden, die einfach den stempel fertig brauchten, damit ich den kopf frei kriegen konnte für den blick nach vorn, weil neue themen und motive schon irgendwo lauerten. also trommelte ich am telefon alle akteure der ersten cd zusammen und schickte ihnen meine neuen texte. mit arms akimbo gab es nur zwei probetermine. Manuela traf ich erst am tag der aufnahme und Tom war als produzent, musiker und sprecher an jedem tag im studio präsent. er brachte zwar fertige song-ideen mit, ließ aber genügend raum für spontane entscheidungen und improvisationen. es gab kein zentrales thema, dem sich die titel unterordnen sollten, hinterher haben wir nur diejenigen rausgenommen, die irgendwie fehl am platz schienen. die neue cd ist im übrigen teil zwei einer trilogie, die in zwei jahren abgeschlossen sein soll, eine art übermuth-portrait eines autors als flaneur, nachtschwärmer, reisender, liebhaber, usw.

wieviel autobiographisches ist in “muths koffer”? bei welchen stationen deines lebens kann ich songs und texte festmachen?

das autobiographische überwiegt bei texten, die sich mit ungeschicklichkeiten, fehlein-schätzungen, träumerischem, leicht schusseligem etc. beschäftigen. ich galt immer als typ mit zwei linken händen, und den charm des antihelden vorzukehren, war für mich auch ein wunsch nach revanche nehmen an den spießigen kritikern meiner lebensart. “miss america” ist ein titel, der sich mit meinem ausstieg aus dem lehrerjob im jahr 1976 befasst und meine “amerikanischen jahre” reflektiert. ich kriegte übrigens tatsachlich am tag von Kennedys ermordung meinen blinddarm raus. das gedicht ist sowohl eine referenz an Ginsbergs “america” und als auch an Christian Brückner, für dessen anthologie “Brückner beat” ich vor mehr als zehn jahren die liner-notes schrieb.

wie wichtig ist sprache bzw. text für dich? ist sie nur ein mittel, eine farbe, um ein gesamtwerk zu transportieren/vervollständigen? es wirkt so, als ob die musik unterschwelliger liefe.

ich schreibe ohne vorher an die musikalische umsetzung zu denken und reagiere auf inspirationen, die zunächst ganz kleine fragmente von textzeilen sein können, dann kommen bilder, die ich meistens sehr schnell in worte fasse. in einem stream of consciousness schreibe ich die erste fassung runter und gehe dann an die detailarbeit. ich führe abend für abend verbale pinselstriche aus. fast alle texte entstehen nach mitternacht. manchmal ruht ein text für ein paar wochen und irgendwann weiss ich genau, er ist fertig.

wie wichtig sind poetische zeitlose wendungen für dich, die du ja z.b. mit “und ein ewiger moment/ruht sich aus auf einer bank…” etc. durchaus unterbringst, gegenüber modernem für dich (anklänge an werbeslogans “deutschland morgens…”)?

zeitlose oder aktuelle zitate reizen mich gleichermaßen zum spiel mit ihnen. beim “ewigen moment” lasse ich zuvor den tag, den abend, die nacht und die morgenröte als gestalten auftreten, und so darf auch der ewige moment ruhig ein netter kerl auf einer parkbank sein. in ungewohnten kontexten funkeln die alten “sterne” meiner vorbilder manchmal vielleicht in ganz anderem licht. nehmen wir z.b. den titel “wanderers rocksong”. Goethes nachtlied wird dabei, vermessen ausgedrückt, zum titel eines genialen “songschreiberkollegen” vor meiner zeit. in meinem text ist der wald krank, was sehr zeitnah ist. die blätter rauschen, denn der wald hat tinnitus. so wird ein traditionelles romantisches motiv mit etwas verquickt, das es in der naturlyrik so noch nicht gab.

wie entstand lied nummer 17 “diese Arbeit liebesmühe”?

Tom hatte meinen text und spielte den song kommentarlos ein. mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Toms gitarre ist eine 12-seitige takamine.

warum Tom Liwa? für mich natürlich sehr interessant, da ich bekannterweise nur in ihm und Sven Regener die einzigen beiden, denen man deutsche poesie abnimmt, sehe, denn diese haben ihre eigene lyrische art er- und gefunden.

warum Tom? Ich halte ihn – wie viele namhafte kritiker und kollegen – für den besten deutschen songschreiber er war in den letzten jahren mein mentor, der mich entscheidend beeinflusst hat, statt rocksongs auf englisch viel differenziertere deutschsprachige texte zu verfassen. dieser wechsel tat mir gut, und bei aufnahmen und gemeinsamen aktionen auf der bühne fühlen wir uns sehr wohl. wir nennen unsere gemeinsame arbeit “hörrevuen” und möchten diese präsentationsform mit der verbindung von rezitation und musik in den nächsten jahren weiterentwickeln.

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